AMIR SHAHEEN zu Gast in der Galerie Ost

Amir Shaheen ist Mitglied im PEN.DEUTSCHLAND
anbei ein dort veröffentlichtes Werk von ihm.
Besinnlicht
Die Stille Nacht hat sich aufgehängt.
Mit einem Elektrokabel. Nun baumelt sie von Dächern und Balkonen, an Hausfassaden, vor und hinter Zimmerfenstern, rund um Hauseingänge, über Hecken, quer durch Vorgärten, Bäume hinauf und wieder hinunter. Und morst ein vielfarbiges S.O.S. in die dunklen Tage. Aber kein Mensch sieht hin. Am anderen Ende des Kabels hängt Roger Whittaker und pfeift auf Besinnlichkeit. In Kaufhäusern, Fußgängerzonen und natürlich auf den Weihnachtsmärkten intoniert er, von achtlosen CD-Einlegern gänzlich unausgesteuert, den Soundtrack zu dieser Bescherung. Der alte Nikolaus hat schon lange das Weite gesucht, rote Weihnachtsmänner beherrschen nun die Innenstädte. Aber auch sie sind scheinbar auf der Flucht und seilen sich frühzeitig ab. Von Dächern und Balkonen, an Hausfassaden… Allein, sie wissen nicht wohin und so lassen sie sich hängen. Seit November nach Luft ringend und im Vorweihnachtbrausen allmählich erschlaffend.
Früher reichte uns ein Lichtlein, das brannte.
Dann zwei, dann drei, dann vier. Und dann erst stand ein Tannenbaum vor der Tür, der am Heiligen Abend feierlich geschmückt wurde. Heute muss mindestens eine bunte Lichterkette ganztägig die Vorfreude ihres Besitzers ausstrahlen. Die Fehlschaltungen selbst berufener Deko-Artisten verwandeln mausgraue Straßenzüge in Wettstreit-Meilen: Wo weihnachtet es am meisten? Puffrot pulsieren Sterne in den Fenstern, erhellen den Unterschied zwischen Beleuchtung und Erleuchtung.
Amir Shaheen
(Erschienen in: Schließlichter — Gesammelte Werthmann-Kolumnen 2008 – 2010, Sujet Verlag, Bremen 2012)










